Pink Floyd: Der letzte Stich ist der tiefste

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Pink Floyd: Der letzte Stich ist der tiefste

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THE FINAL CUT von 1983 mag nicht das erste Album von Pink Floyd sein, das einem je in den Sinn kommt, doch es ist ohne jeden Zweifel eines ihrer wichtigsten. Es gibt einen faszinierenden Einblick in Roger Waters’ Größenwahnund war der Schwanengesang des bekanntesten Line-ups der Band.

Fast zehn Jahre auf den Tag genau nach THE DARK SIDE OF THEMOON erschien THE FINAL CUT. Das Material auf DARK SIDE wurde ein Jahrzehnt zuvor auf Tourerarbeitet und alle vier Mitgliederhatten zum Songwriting beigetragen. Bei THE FINAL CUT jedoch war die Band – nach der Entlassung von Keyboarder Rick Wright zum Trio geschrumpft – eher zwangsläufig als geplant zu einem Vehikel für die Worte und Musik des De-facto-Anführers Roger Waters geworden, und viele der Aufnahmen wurden mit Sessionmusikern bestritten. Es gibt auf dem Album kaum erkennbare Hooks, keinen wirklich kommerziellen Moment und Floyd haben nie etwas davon live gespielt. Zunächst hielt das den unaufhaltsamen Marsch des Kolosses nicht auf. Fans in aller Welt hatten dreieinhalb Jahre auf eine neue Platte gewartet, der bislang größte Abstand zwischen zwei Floyd-Alben. Und so wurde THE FINAL CUT nach seiner Veröffentlichung im März 1983 zur ersten Nr. 1 in Großbritannien seit WISH YOU WERE HERE 1975.

Der „Rolling Stone“ gab ihm volle fünf Punkte und schrieb, es könnte „das krönende Meisterwerk des Artrock“ sein. Doch der Koloss sollte bald im Graben landen.THE FINAL CUT verschwand praktisch sofort nach seinem Erscheinen und ließ nur die Platte selbst, eine Single und ein 19-minütiges „Video-Album“ zurück. Es gab keinerlei Auftritte zur Promotion, keine Bandfotos, keine Tournee. Stattdessen wurde es bald zum ersten Beweisstück für den schmerzhaften, öffentlichen Zusammenbruch einer der größten und erfolgreichsten Bands der Welt. Falls das Werk in späteren Interviews mit Roger Waters oder David Gilmour überhaupterwähnt wurde, wurde es als das Resultat einer Phase völligen Elends dargestellt. „So lief es letztlich“, sagte Gilmour 1987 im „Rolling Stone“. „Es war furchtbar. Selbst Roger sagt, was für eine furchtbare Zeit das war – und meiner Meinung war er es, der dafür verantwortlich war.“ „Es kam und starb gleich wieder, nicht war?“,sagt Willie Christie, der das Foto auf dem Albumcover schoss. Christie war eng involviert in die Platte gewesen und die Zeit ihrer Entstehung, denn Waters war sein Schwager und Christie wohnte damals im Nebengebäude über der Garage von Waters’ Haus in Sheen,„nachdem eine Beziehung zerbrochen war. Ich denke, David fand es sehr schwer, weil das Ende der Band sich bereits abzeichnete, und Roger aus anderen Gründen. Das war sehr schade. David hatte verkündet, dass die Songs Ausschussware von THE WALL waren. Warum wiederkäuen? Ich sah es nie so. Ich liebte es und fand, dass da großartiges Material drauf war“.

Wahrscheinlich würde nur ein perverser Fan THE FINAL CUT als sein Lieblingsalbum von Pink Floyd bezeichnen, doch es hat auf jeden Fall mehr Anerkennung verdient, als ihm für gewöhnlich zugestanden wird. Ja, natürlich ist es das deutlichste Beispiel für die krassesten Auswüchse von Waters’ Größenwahn. Doch so sehr es von seinem Songwriting und seiner Stimme dominiert wird, sollte man es dennochbals Floyd-Werk betrachten und nicht als ein Soloalbum von ihm – einige von Gilmours besten Gitarrensoli finden sich hier, und Schlag-zeuger Nick Mason erschuf einige der besten Klangeffekte in der gesamten Bandkarriere.

Als Protestalbum ist es zudem einesder stärksten im britischen Rock überhaupt. Wäre es von Elvis Costello, Robert Wyatt oder The Specials, hätte es rückblickend weitaus mehr Gravitas. „What have we done to England?“, singt Waters auf dem Opener ›The Post War Dream‹, während eine Blaskapelle, die-ser so essenziell britische Klang, im Hintergrund spielt. Es platziert das Album direkt in die politische Landschaft nachdem Falklandkrieg 1982 und blickt gleichzeitig auf die Brückenköpfe des Zweiten Weltkriegs 1944 zurück. Wie Cliff Jones in „Echoes: The Stories Behind Every Pink Floyd Song“ festhielt, war es „das textlich unmissverständlichste aller Pink-Floyd-Alben“. Außerdem ist es phänomenal rich-tungsweisend in der Karriere der Gruppe.

Wäre seine Entstehung eine deutlich positivere Erfahrung gewesen und hätte es sich besser verkauft, hätten Floyd möglicherweise triumphal und freund-schaftlich abschließen oder sogar fortfahren können. Stattdessen hinterließ es ein unangenehmes Gefühl ungelöster Angelegenheiten, was zur Trennung, dem kommerziellen Triumph der Gilmour-Jahre und dem gigantischen Leben der Band auch nach ihrer endgültigen Auflösung führte. Die Entstehungsgeschichte von THE FINAL CUT ist bestens bekannt. Teile des Materials waren schon fünf Jahre alt und kamen von der ursprünglichen Tonbandaufnahme, die Waters im Som-mer 1978 für THE WALL gemachthatte. Er hatte Songs für etwa drei Alben geschrieben und war hochmotiviert, im Gegensatz zu denanderen Mitgliedern, die damals scheinbar vor Pink Floyd fliehen wollten. Für Waters war es wie das unablässige Herumpicken an einer Narbe – er wusste, er sollte es nicht tun, aber ermusste einfach weiter dieses Monster erkunden, das er miterschaffen hatte. Die Pink Floyd, wie wir sie kannten, endeten am 17. Juni 1981 im Earls Court in London mit dem letzten der 31 Kon-zerte zu THE WALL. Diese Rückkehr zu Live-Aktivitäten diente hauptsächlich dem Aufzeichnen von Material für die Filmadaption von Regisseur Alan Parker. Ironischerweise gab es Angebote für eine Stadiontournee, doch Waters wollte davon natürlich nichts wissen.

Unterdessen wurde ernsthaft in Erwägung gezogen, diese Shows mit Andy Bown von der Floyd-Tribute-Gruppe Surrogate Band an Waters’ Stelle zu absolvieren. „Ich wurde gefragt, ob ich gegebenenfalls interessiert wäre“, sagt Bown heute. „Ich sagte: Ja, das wäre ich.“ Doch Waters legte schnell sein Veto gegen diese Idee ein. Auch ein Soundtrack zu Parkers Film war im Gespräch, doch es gab kaum Material dafür: Versionen von ›In The Flesh‹(mit und ohne Fragezeichen), dargeboten von Bob Geldof, der im Film Pink gespielt hatte. Den Outtake ›When The Tigers Broke Free‹ von THE WALL sowie ›What Shall We Do Now?‹, das es nicht auf das Album geschafft hatte. Aus diesem Projekt entstand schließlich SPARE BRICKS, wo diese Tracks mit weiteren THE-WALL-Outtakes gebündelt wurden: ›Your Possi-ble Pasts‹, ›One Of The Few‹, ›The Hero’s Return‹ und ›The Final Cut‹.

Doch als Argentinien im April 1982auf den Falklandinseln einfiel – einem britischen Territorium im Südatlantik–, schickte Premierministerin Margaret Thatcher ein Einsatzkommandozur Verteidigung und Waters hatte plötzlich sein Thema. Die Sinnlosig-keit des folgenden 74-tägigen Konflikts, bei dem 907 Menschen starben, erinnerte ihn an den Tod seines Vaters Eric im Zweiten Weltkrieg 1944 in Anzio. Waters genoss diesen Zusammenfluss von Vergangenheit und Gegenwart. Er würde ein modernes Requiem schreiben. Und so verwandelte sich SPAREBRICKS in THE FINAL CUT, dessen Titel Shakespeare zitiert, wo Julius Cäsar von Brutus von hinten erstochen wird: „Kein Stich von allen schmerzte so wie der“ (im Original: „This was themost unkindest cut of all“).„Im Film steht ‚the final cut‘ für den letzten Schnitt, die endgültige Fassung“, erklärte Gilmour 1983. „Wenn man die Tageskopien in mehr oder weniger der richtigen Reihenfolge zusammensetzt, ist das der ‚rough cut‘, die Rohfassung, und wenn man die dann bearbeitet und perfekt gemacht hat, nennt man es den ‚final cut‘. Doch es ist auch ein Ausdruck für einen Messerstich in den Rücken, und ich denke, so sieht Roger das Filmgeschäft.“

(Den ganzen Artikel findet ihr in CLASSIC ROCK #92)

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